Mit dem zweiten Lockdown macht sich in vielen Unternehmen eine Corona-Lethargie breit. Wie kann es Führungskräften jetzt gelingen, die Motivation der Mitarbeiter hoch zu halten?

Dr. Bernd-Georg Spies: Hatten Homeoffice und digitale Treffen während des ersten Lockdowns noch den Zauber des Neuen, fehlen vielen Mitarbeitern zunehmend die realen sozialen Kontakte und das tägliche kollegiale Miteinander. Jetzt zahlt es sich aus, wenn der Führungsstil schon vor Corona wertschätzend und nah war. Eine neuentdeckte Nähe in Corona -Zeiten dagegen kann auch als Kontrolle empfunden werden. Hier liegt allerdings auch ein reales Problem - Führung, aber auch Kooperation auf Distanz müssen geübt werden, da Absprachen und Zusagen eingehalten und Ergebnisse eigenständig erbracht werden müssen. Das gewährt ganz neue Perspektiven in Unternehmen, in denen Führung historisch genau dieses gewährleisten beziehungsweise kontrollieren sollte.

Club of Hamburg: Vielerorts fehlen Konzepte, die Familien in dieser Situation echte Entlastung bieten. Das Verlagshaus Gruner und Jahr verzichtet auf formale Nachweise, wenn Mitarbeiter im Lockdown aufgrund der Betreuungssituation ihrer Kinder nicht arbeiten können. Ist diese Maßnahme ein wichtiges Signal an die Mitarbeiter, oder lediglich gelungenes Employer Branding?

Dr. Bernd-Georg Spies: Ja dies ist ein spannendes Zeichen, von denen wir sicherlich in der nächsten Zeit weitere sehen werden. Dazu jedoch eine Anmerkung: Gesellschaftlich wichtig wird sein, diese Signale auch in Branchen und Wirtschaftszweige zu senden, in denen Home Office schlicht nicht möglich ist - etwa im Einzelhandel. Hier droht die grosse Gefahr einer gesellschaftlichen Spaltung. 

Club of Hamburg: Der Chef des deutschen Gewerkschaftsbundes Reiner Hoffmann bemängelt ein antiquiertes Kontrollverhalten vieler Arbeitgeber. In der Coronakrise würden viele Unternehmen, auch dort wo es möglich sei, kein Homeoffice anbieten. Ein Grund sei die mangelnde technische Ausstattung. Hoffmann betont, dass in dieser akuten Ausnahmesituation die Regeln für die Zukunft der Arbeit neu austariert werden. Wie können Unternehmen dieser Forderung gerecht werden? 

Dr. Bernd-Georg Spies: Ich kann Hoffmanns Überlegungen durchaus nachvollziehen, aber hier muss auch eine Menge sortiert und geregelt werden. Nur einige Punkte: Wer zahlt die technische Ausstattung einschliesslich ergonomischer Arbeitsmöbel? Wie verhindert man eine komplette Entgrenzung des Arbeitstags? Wie sieht die steuerliche Behandlung von Home Office aus? Hier sind Politik und Unternehmer gefragt. 

Club of Hamburg: In einigen Unternehmen ist die technische Ausstattung nicht der Grund für mangelnde Homeofficeregelungen. Die deutsche Präsenzkultur steht in vielen Fällen einer vertrauensoffenen Unternehmenskultur entgegen. Neben der Angst vor Ansteckungen vergiftet auch das fehlende Vertrauen die Beziehung zwischen Chef und Mitarbeitern. In den sozialen Medien machen zunehmend Arbeitnehmer ihrem Ärger Luft. Was läuft hier falsch?

Dr. Bernd Georg Spies: Ich denke viele Unternehmen haben schon große Schritte weg von der traditionellen Präsenz-und Kontrollkultur gemacht. Performance vor Präsenz - dieser Leitgedanke sollte in allen Unternehmen gelebt werden. Ich bin positiv, dass diese Entwicklung an Fahrt gewinnen wird und es wird auch eine Aufgabe des Club of Hamburg sein, gute Beispiel öffentlich zum machen. Hier werden sich viele Unternehmen auf neue spannende Wege begeben.

Club of Hamburg: Einige Arbeitnehmer bangen um ihre Arbeitsplätze, viele hatten 2020 nicht die gewohnte Auszeit in den Ferien und jetzt der graue Januar im erneuten Lockdown. Wie können Arbeitgeber ihren Mitarbeitern eine Perspektive bieten? 

Dr. Bernd-Georg Spies: In dieser Krise kann das Management viele Fehler machen, zuviel zu kommunizieren gehört nicht dazu! Jetzt ist die Zeit für regelmässigen Austausch, Transparenz über Geschäftsentwicklung und Offenheit bezüglich der Zukunft. Schlecht ist, wie zu Beginn der Pandemie geschehen, die Werte des Zusammenhalts und der Gemeinschaft zu beschwören, um kurze Zeit danach den Abbau von Arbeitsplätzen zu dekretieren.

Club of Hamburg: Achtsamkeit und Wertschätzung sind, gerade in der Krise, relevante Themen für Führungskräfte. Mindful Leadership ist neben Digital Leadership das Schlagwort im beginnenden 2021. Doch was müssen Manager in der anhaltenden Ausnahmesituation beachten, um selber nicht auszubrennen? 

Dr. Bernd-Georg Spies: Soziale Kontakte in der Familie pflegen, sich auch am Home Schooling und der Betreuungsarbeit von Kindern, aber auch Älteren beteiligen und diese Aufgabe nicht unter Verweis auf die Arbeitsbelastung delegieren. Und vielleicht: authentischer, eigenständiger führen und weniger Management Leitsätzen folgen. 

Club of Hamburg: Der Club of Hamburg steht für das Konzept „Erfolg mit Anstand“. Stiftungsgeschäftsführer Marc Breckwoldt äußerte sich gerade zu der Situation seines Unternehmens, der Friseurkette Ry, im Hamburger Abendblatt und forderte mehr Solidarität in der Krise. Warum lohnt es sich, diesen Gedanken gerade jetzt ins Unternehmensleitbild zu überführen? 

Dr. Bernd-Georg Spies: Schon vor Covid-19 war es ja die Wahrnehmung des Club of Hamburg, dass wertorientierte Unternehmensführung wieder stark in die gesellschaftliche Diskussion gehört, da ansonsten die Unterstützung für unser Wirtschafts- und Gesellschaftssystem zu erodieren droht. Wir stehen jetzt durch Corona ausgelöst vor einem neuen gesellschaftlichen Veränderungsschub, der dringend klare Kompassnadeln wie „Anstand“ und „Würde“ braucht!