Würde als ethischer Kompass in der digitalen und gesellschaftlichen Transformation: "Unsere Welt steht Kopf. Die Corona-Pandemie hat unser Leben in nahezu sämtlichen Facetten schlagartig verändert ... Würde und Digitalisierung: Zweck und Mittel, die selten gemeinsam gedacht werden." Co-Autor des Thesenpapiers ist der Vorstandsvorsitzende des CLUB OF HAMBURG, Bernd-Georg Spies.

Auszug aus dem Thesenpapier "Digitalisierung in Würde":

Unsere Welt steht Kopf. Die Corona-Pandemie hat unser Leben in nahezu sämtlichen Facetten schlagartig verändert – und das weltweit. Selbstverständliches ist nicht mehr so selbstverständlich, unsere bisherige Freiheit wird uns jetzt erst wirklich bewusst, teilweise schon vermisst und auf einmal wertgeschätzt. Die Politik rückt in Teilen wieder näher an die Menschen, Unternehmen meistern die Krise unterschiedlich gut. Staaten stellen unvorstellbar hohe Summen bereit, um die Krisenfolgen abzufedern. Einige Schulen verwehren sich, andere entwerfen zwanglos kreative, digitale Unterrichtskonzepte.


Im Zentrum all dieses Geschehens steht in erster Linie – zumindest rhetorisch, und man darf wohl sagen, unbedingt –, der Mensch mit seinen essenziellen Bedürfnissen und Sehnsüchten.
Diese Unbedingtheit verlangt nach Leitlinien und Orientierungspunkten, denn die zentrale Rolle des Menschen in den gegenwärtigen gesellschaftlichen Umbruchprozessen, also in einem wahrhaftigen „Weltenwandel“, muss jeweils spezifisch bestimmt, verortet und reklamiert werden. Hierzu bietet sich das Leitbild der „Würde“ an, denn ihm kommt ein normativer, in Deutschland grundgesetzlicher Auftrag zu.


Wenn dieses Thesenpapier zumindest die „Digitalisierung in Würde“ thematisiert, so ist das beispielhaft und keineswegs abschließend gemeint. Es soll hiermit erprobt werden, ob der Würdebegriff zu einer gesellschaftlich wünschenswerten und nicht lediglich technizistischen Ausformung von Digitalisierung führen kann und somit geeignet ist, auch als Kompass etwa für Verteilungsfragen, Diversität und Inklusion in der Gesellschaft zu fungieren. Im Rahmen dieses Diskurses sehen wir, dass die Lösung vieler Probleme mit der Digitalisierung verbunden wird.


In der Corona-Krise geht es darum, unsere Gesundheit zu schützen, gleichzeitig unsere gelebten gesellschaftlichen Freiheiten mit möglichst wenig Einschränkungen beizubehalten und eine globale Wirtschaftskrise zu verhindern oder wenigstens abzumildern. Diese Ziele gemeinsam zu erreichen ist schwierig und komplex. Erschwerend kommt der Schleier des Nichtwissens dazu, sodass jede adäquate Lösung eine Abwägung darstellt, die am Ende nur durch die Akzeptanz der Bürger*innen als zunächst nicht falsch bestätigt wird. Dass trotzdem nicht alle diese Einschränkungen als notwendig oder hinnehmbar empfinden, zeigen zahlreiche Demonstrationen.


Jetzt ist die Politik gefragt, unbürokratische und vorausschauende Entscheidungen zu treffen und Rahmenbedingungen zu schaffen, die ein Umdenken ermöglichen. Ein Umdenken, das der Wirtschaft disruptive, digitale Lösungswege erlaubt, dem Bildungssystem zu ei- nem flächendeckenden Sprung in die Digitalisierung verhilft, die Gesellschaft hinterfragen lässt, was jede*r Einzelne dazu beitragen kann, und dabei nie vergisst, wer im Mittelpunkt des Wandels steht: der Mensch.


Würde und Digitalisierung: Zweck und Mittel, die selten gemeinsam gedacht werden


Menschen sind verschieden, haben diverse Ansichten, Wünsche, Vorstellungen, Gefühle und Bedürfnisse. Was aber ist die Grundbedingung der Menschlichkeit, die uns alle eint? Könnte der Begriff der „Menschenwürde“ hierzu nicht einen ausgesprochen praktikablen Ausgangs- und Orientierungspunkt liefern? „Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten.“ Auch die deutsche Verfassung stößt in aller Klarheit in dasselbe Horn: Die Würde eines Menschen ist unantastbar – so heißt es dort. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt. Aber reicht das? Müssen wir uns nicht auf allen Ebenen wieder und immer wieder vergegenwärtigen, was unter dem Kern der Menschenwürde im gesellschaftlichen Diskurs zu verstehen ist? Sollten nicht wir alle dazu beitragen, sie zu schützen? Sogar mehr noch: sie zu bewahren und gleichzeitig zum Dreh- und Angelpunkt unseres Handelns zu machen? In der Politik, der Wirtschaft, der Bildung, in der Gesellschaft und in jeder unserer zwischenmenschlichen Begegnungen. Eine humanistische Digitalisierung kann uns dabei helfen, oder vielleicht: ein digitaler Humanismus?


Den Wandel gestalten, nicht einfach passieren lassen


Krisen wie etwa die Corona-Pandemie erinnern uns auch an das Potenzial des Wandels – an die Möglichkeit, ihn aktiv mitzugestalten. Nicht weil wir es sonst nicht könnten, sondern weil wir beginnen uns damit auseinanderzusetzen, was anders werden muss. Uns werden Missstände bewusst, verborgene Bedürfnisse klarer und der Wunsch zum Handeln wird stärker.
Mit diesem Papier möchten wir vor allem eins: Denkanstöße geben. Wir möchten gemeinsam mit Ihnen genauer hinschauen, reflektieren, Ideen entwickeln, diskutieren und streiten. Wir haben es uns zum Ziel gemacht, die Themen Würde und Digitalisierung gemeinsam zu denken. Gemeint ist damit eine Digitalisierung in Würde und damit die Erhellung einer Zweck-Mittel-Beziehung, die als Schlüsselfaktor für einen Weltenwandel zu verstehen ist.
Diesen Schlüsselfaktor auf unsere tägliche, aber auch strategische Agenda zu setzen, ganz gleich ob in der Politik, der Wirtschaft, der Bildung, der Kirche, der Kultur oder im Sport, ist unser Anliegen. Und ganz wichtig: Wir wollen den angestoßenen Wandel in unserer Gesellschaft nicht einfach passieren lassen, sondern ihn aktiv gestalten. Und vor allem wollen wir hervorheben, dass der Anspruch auf aktive Gestaltung immer mit Verantwortung einhergeht.
Wir könnten – jede*r für sich – überlegen, wie wir Würde als unbedingtes Recht der Menschen in unserer jeweiligen Tätigkeit und unserem alltäglichen Handeln stärken und zum Besseren wahrnehmen und berücksichtigen können. Das aber reicht uns nicht. Politik, Gesellschaft, Bildung, Umwelt, Wirtschaft – alle Ebenen unseres Wirkens hängen miteinander zusammen und sind in weiten Teilen abhängig voneinander. Lassen Sie uns die folgenden Gedanken und Thesen als Grundlage nutzen, um gemeinsam über alle Ebenen hin- weg in unserem Umfeld für das Thema zu sensibilisieren, sich auszutauschen und am besten: einen Platz in unseren Visionen, Missionen und Strategien zu schaffen.


Würde als leitender Kompass in der digitalen und gesellschaftlichen Transformation


Wahlerfolge antiglobaler, ja fast nationalistischer Politik haben zu ei- ner neuen Nachdenklichkeit geführt und die Debatte befeuert, welche ethisch normativen Fixpunkte es in Zeiten des Weltenwandels geben kann bzw. geben sollte. Würde, Digitalisierung und den Wandel gestalten sind für uns die Herausforderungen, die aktiv und bewusst bei Entscheider*innen in allen Organisationen der Gesellschaft auf der Aufmerksamkeitsagenda stehen sollten.


Warum? Wir können digitalisieren, ohne einen Weltenwandel anzustreben; wir können auch einen Weltenwandel anstreben, ohne auf Digitalisierung zu setzen. Am sinnvollsten scheint es aber zu sein, die technologischen Möglichkeiten für einen Weltenwandel zu nutzen. Aber in welche Richtung soll diese Transformation gehen? Eine aktive Gestaltung des Weltenwandels setzt einen normativen Kompass voraus. Dieser Kompass ist auf Menschenwürde geeicht und fordert Verantwortung von jenen, die den Wandel aktiv gestalten. Menschenwürde als humanistische Grundbedingung ist vielfältig und weit diskutiert. Wir verstehen darunter eine Voraussetzung, unter der es den Menschen ermöglicht wird, Leben, manchmal auch Über- leben, mit Freiheit, Vielfalt und Teilhabe als aus der Würde abgeleitete Grundrechte in Einklang zu bringen.

  • Leben: Leben setzt zunächst einmal Überleben voraus und ist wiederum existenzielle Grundvoraussetzung von Würde. Ohne Leben gibt es keine Würde. Mit dem Leben entsteht zu- gleich die Würde. Freilich endet die Würde nicht mit dem Tod, sie besteht über den Tod hinaus. 

  • Freiheit: Die Würde des Lebens besteht vor allem darin, es selbstbestimmt zu führen. Dafür braucht es die individuelle Freiheit in Verantwortung als unveräußerliches Grundrecht des Menschen. 

  • Vielfalt: Leben und Lebensentwürfe sind divers und können nicht gegeneinandergestellt oder gar aufgerechnet werden. Würde ernst zu nehmen bedeutet, unterschiedlichen Lebens- entwürfen Toleranz und Anerkennung entgegen zu bringen. 

  • Teilhabe: Ein Leben in Würde setzt die grundsätzliche Möglichkeit der Teilhabe am politischen, gesellschaftlichen, ökonomischen und kulturellen Leben voraus. Teilhabe ist eine wesentliche Voraussetzung dafür, Freiheit zur Selbstbestimmung zu nutzen. 
Würde, die normative Grundidee der Menschenrechtserklärung so- wie der deutschen Verfassung, hatte als Leitmotiv für gesellschaftliche Debatten der jüngeren Vergangenheit keine Konjunktur, noch viel weniger war sie spürbar handlungsleitend. Doch Würde ist der normative Ausgangspunkt, quasi die Statik, in deren Rahmen gesellschaftlich-ökonomische Entwicklungen wie die Globalisierung, aber gerade auch die Digitalisierung aktiv und normgebunden gestaltet werden können. Aus einem passiven „Sachzwang“ ohne Alternative wird somit unversehens ein gesellschaftliches Gestaltungsprojekt. Bei genauerer Betrachtung fällt auf, wie stimmig sich auch scheinbar partikulare, identitätspolitische Konzepte mit dem Axiom „Würde“ verknüpfen lassen: Inklusion, Diversität, Gleichstellung und allge- meine gesellschaftliche Pluralität lassen sich eigentlich nur normativ aus der Dualität von Toleranz und eben menschlicher Würde ableiten. 
An dieser Stelle lassen sich Wahrung und Achtung von Würde umstandslos als Auftrag an die Politik formulieren, womit zweifelsfrei ein wesentlicher Adressat benannt wäre. Wenn jedoch die Wahrung von Würde mehr ist als ein bloßer Politikauftrag, namentlich ein An-kerpunkt für gutes gesellschaftliches Zusammenleben, dann geht die Achtung der Würde als Aufgabe an uns alle. Aber insbesondere auch an wesentliche gesellschaftliche Gruppen wie Unternehmen, Interessens- und Fokusgruppen, Kirchen, religiöse Gruppierungen o- der NGOs sowie an Bildungseinrichtungen. 


    Die gegenwärtige Diskussion um Digitalisierung eignet sich besonders, um zu illustrieren, wie der Bezug zur Würde daraus einen Gestaltungsauftrag ableitet.

Hierzu einige Überlegungen als Ausgangspunkte für weitere Debatten:

  • Digitalisierung sollte weniger unter dem Aspekt von „Jobverlusten“ und drohender Arbeitslosigkeit diskutiert werden. Wir plädieren dafür, die Veränderung von digitaler Arbeit stärker in Inhalten und Qualifikationsanforderungen in den Vordergrund zu rücken. 

  • Wir brauchen dringend neue Bildungskonzepte zur digitalen Gestaltung, nicht zur bloßen digitalen Anpassung. Der verantwortungsvolle Umgang mit Informationen und deren kon- textabhängige Einordnung auch und gerade digitalaffiner jüngerer Gruppen ist eine wichtige Bedingung von Demokratie. 

  • Wir benötigen jenseits des klassischen „Normalarbeitsverhältnisses“ auf der einen und „prekärer“ Arbeit auf der anderen Seite neue Formen „würdevoller“ Arbeit, um der Erosion der gesellschaftlichen Mitte Einhalt zu gebieten. Hier könnten intelligente Formen von Lohnkosten- und Qualifizierungsanreizen ebenso helfen wie ein vom Faktor „Arbeit“ stärker entkoppeltes Steuersystem etwa in Richtung einer Wertschöpfungs- oder Digitalsteuer. 

  • Ebenso dürfen wir nicht allzu vorschnell den gesellschaftlichen Diskurs über den sozialen Status der Erwerbsarbeit als beendet erklären. Im präzisen Sinne eines Weltenwandels hin zu einer prinzipiell offenen Zukunft, die die Würde nicht aufgibt, sondern im Gegenteil besonders stark verteidigt, müssen wir uns sogar die Frage stellen, wie groß die Schnitt- menge zwischen würdevoller Arbeit und lebenserhaltendem Erwerbseinkommen ist. 

    Würde bezieht sich nicht nur auf unsere Mitmenschen, sondern ebenso auf das Leben zukünftiger Generationen. Aus ihr lässt sich daher auch das Prinzip der Nachhaltigkeit ableiten. Digitalisierung in Würde wird somit auch zu einem Gebot der Nachhaltigkeit. 


Dieses Thesenpapier ist im Zuge der Veranstaltungsreihe „Weltenwandel“ entstanden und spiegelt die persönliche Meinung des Teilnehmerkreises zum Thema wider.

Autoren

Nicolai Andersen, Deloitte; Barbara Bajorat, Mars Petcare; Kirsten Bruhn, Paralympische Champion und Botschafterin für Prävention, Reha und Sport am Unfallkrankenhaus Berlin; Sönke Fock; Prof. Dr. Hanns-Stephan Haas; Dustin Hochmuth, Trendone; Dr. Marc Hübscher , Deloitte; Cate Martin, Sängerin der Band IVY FLINDT; Dr. Michael Müller-Wünsch, OTTO; Bisrat Negassi, Modedesignerin; Prof. Dr. Dirk Notz Dr. Arno Probst, Deloitte; Dr. Mani Rafii; 
Dr. Bernd-Georg Spies, SPIES–PPP; Stefanie Stoltzenberg-Spies, STRASBURGER KREISE; Dr. Thomas Vollmoeller; Prof. Dr. Henning Vöpel, Hamburgisches WeltWirtschaftsInstitut; Egbert Wege, Deloitte; Oliver Wurm, Journalist und Medienunternehmer .

Weltenwandel c/o STRASBURGER KREISE | Stefanie Stoltzenberg-Spies | Schlüterstraße 6 | 20146 Hamburg | Tel. +49 40 302 38 486 | weltenwandel@strasburgerkreise.com | www.strasburgerkreise.com