Erfolgreicher Vortrag zu den Bad Liebenzeller Gesprächen aus dem SOPHI Park In ihrem Gastvortrag beschäftigte sich die Philosophin und Wissenschaftlerin Prof. Dr. Annette Kleinfeld mit den Begriffen ETHIK - MENSCH – PHILOSOPHIE im Kontext der drängendsten Fragen des 21. Jhd. Dazu stellte sie u.a. den philosophischen Denk- und Ethikansatz von Kant vor und warf die Frage auf, ob Wirtschaftsethik letztendlich ein "schwarzer Schimmel" sei.

Bad Liebenzeller Gespräche

Das Gute sichtbar machen

Veranstaltet von der Touristik der Stadt Bad Liebenzell begrüßte Ines Veith als Initiatorin der bereits zum dritten Mal veranstalteten Vortragsserie die Gäste im gut gefüllten Bürgersaal und zog ein begeistertes Fazit: „Das Thema zog trotz Corona-Beschränkungen ein breit gefächertes Publikum an und belegt, dass die Bad Liebenzeller Gespräche aus dem Sophi Park gut angenommen werden.“ Auch Lothar Hudy – bekannt als Philosoph unter den Künstlern der Region - war davon begeistert, „einmal auf zwei Stunden komprimiert zu erfahren, was die Menschen bewegt, oder besser ausgedrückt bewegen sollte, weil es viele Menschen gibt, die sich ganz einfach keine Gedanken machen.“

Was ist Ethik?

Nach einer eingangs gegebenen Skizze zur Bedeutung des Begriffs und der historischen Entwicklung der Ethik erläuterte Kleinfeld die besondere Disziplin innerhalb der Philosophie, die ihren Ausgang in der Antike hat. Dabei befasste sie sich zunächst mit der Frage: „Was ist Ethik“ – und warum Ethik gerade im 21. Jahrhundert eine ganz besonders wichtige Disziplin ist. Vor dem Hintergrund aktueller gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Herausforderungen vertrat sie die These, „dass langfristiger unternehmerischer Erfolg ohne Ethik und ohne Anstand nicht funktioniert" und reflektierte im Anschluss die Frage, zu welchem Verhalten Unternehmen mit Blick auf die aktuellen Entwicklungen geraten werden müsse.
Ausgangspunkt ihres Vortrags waren Überlegungen zum Unterschied zwischen Ethik und Moral, der im öffentlichen Diskurs gerne vernachlässigt werde.

Wie soll ich mich verhalten?

„Moral ist das, was wir alle als Antwort auf die Frage "Wie soll ich mich gegenüber Dritten verhalten, nach welchen Kriterien handeln und entscheiden" früher oder später gelernt haben, im Elternhaus, in der Schule, in unsrem Freundeskreis", so die Referentin, die den deskriptiven Begriff als gewachsene, vom Einzelnen oder Gruppen verinnerlichte Spielregeln bezeichnet. Während Kinder ab einem bestimmte Alter moralische Fragen aufwerfen und die Antworten der Eltern darauf übernehmen, ist es Ausdruck des menschlichen Reifeprozesses, mehr und mehr darüber auch kritisch zu reflektieren, was wir oder unser Umfeld für moralisch richtig oder moralisch falsch halten. Jedoch sei beides notwendig: „Anders als sein Lehrer Platon, war Aristoteles der Meinung, dass es nicht ausreiche, nur einzusehen oder theoretisch zu wissen, was das Richtige ist, es muss auch praktisch eingeübt werden, um sich als eine Art zweite Natur in unsrem Charakter etablieren zu können“, so der Tenor der Referentin, die ebenfalls in Anlehnung an Aristoteles erläutert, dass es bei der Ethik nicht nur um das Verhalten oder das Handeln des Einzelnen sich selbst gegenüber geht, sondern darum, ein glückliches im Sinne eines gelingenden Lebens in einer Gemeinschaft zu führen.

Aufgabe der Ethik als wissenschaftlicher Disziplin ist es u.a., sich „Gedanken darüber zu machen, welche moralischen Orientierungen von der Menschheit als richtig und wichtig angesehen werden.“ Dabei geht es um die Suche nach übergeordneten Maßstäben in Form von Werten und Normen, aus denen sich kodifizierbare Spielregeln ableiten lassen, die von einer Mehrheit der (globalen) Gesellschaft akzeptiert werden können wie beispielsweise unser Grundgesetz oder die internationalen Menschenrechte. Neben Vernunft, Menschenwürde, Gerechtigkeit, Frieden und Freiheit zählt dazu in neuerer Zeit auch das globale Thema Nachhaltigkeit, um ökologische Ziele ebenso wie unternehmerische und wirtschaftliche Interessen gemeinsam mit gesellschaftlichen Bedürfnissen in eine Balance zu bringen.

Schwarzer Schimmel

„Von der Klimakrise über Wirtschaftsskandale finden wir in den Nachrichten nur negative Beispiele, die uns aufrütteln, aber keine Antworten liefern“, so Kleinfeld, die als eine der ersten deutschen Expertinnen auf dem Gebiet der Wirtschaftsethik die 2014 gegründete Interessensgemeinschaft Club of Hamburg seit Anbeginn als Gründungsmitglied begleitet und überzeugt davon ist, dass Wirtschaftsethik ein schwarzer Schimmel ist: ein sogenanntes Oxymeron, also ein Bild für einen Widerspruch in sich, der bei intensiverer Betrachtung gar keiner ist, sondern vielmehr zeigt, dass Dinge, die gut werden sollen, etwas mehr Zeit beanspruchen. „Wenn man sich das Ganze näher anschaut, erkennt man, dass Schimmel schwarz zur Welt kommen und erst im Laufe ihres Lebens nach und nach aufhellen.“

Daher ihr Credo: Man muss nicht nur den vordergründigen negativen Schlagzeilen Glauben schenken, die uns tagaus, tagein über Skandale in der Wirtschaft erreichen. Beim näheren Hinsehen wird man feststellen, dass das Gros der UnternehmerInnen in Deutschland, dass gerade die vielen kleinen, mittelständischen, aber auch zahlreiche große inhaber- und familiengeführte Betriebe sich um die Auflösung des systemimmanenten Spannungsfeldes zwischen Gewinn, beziehungsweise Erfolg, und Ethik Tag für Tag bemühen. Und dass genau darin das Geheimnis nachhaltigen im Sinne von langfristigem, substanziellem unternehmerischem Erfolg liegt.

Erfolg mit Anstand

Die Stiftung Club of Hamburg versucht genau diesen Unternehmen, die sich seit jeher um eine Balance von "Erfolg und Anstand" bemühen, eine Plattform zu geben. Die Sichtbarkeit nach außen wird unterstützt durch einen Deutschen Ethik Index (DEX), der Unternehmen aller Art offen steht, die nicht nur durch ihren Börsenwert (DAX) oder nach ihrem finanziellen Output bewertet werden wollen, sondern entlang der Frage, ob sie ihren Erfolg auf eine zugleich ethisch korrekte, also anständige Art und Weise erreicht haben.
Nach der anregend vorgetragenen Ausführung nutzten die Besucher im gut besuchten Auditorium die Gelegenheit für Rückfragen und weiterführender Debatte, so dass SOPHI Park Guide Iris Petersen die Veranstaltung final mit einem Satz auf den Punkt brachte: „Ethik ist, genauso wie die Philosophie gar nicht so abstrakt ist, wie man immer denkt.“

Bild: Sabine Zoller

Prof. Dr. Annette Kleinfeld (links) gibt ihre Erkenntnisse an ihrem Lehrstuhl für Wirtschaft und Gesellschaft der Hochschule für Angewandte Wissenschaften (HTWG) Konstanz an die nächste Generation von Unternehmenslenkern weiter und referierte dank Initiatorin Ines Veith (rechts) erstmals bei den Bad Liebenzeller Gesprächen im SOPHI Park