Bilanzskandal beim Internetkonzern Wirecard: Das deutsche Unternehmen, das sich auf bargeldlose Zahlungssysteme spezialisiert hat, trat die Konkurrenz zu den überwiegend US-amerikanischen Fintech-Unternehmen an. Wirecard wurde als aufsteigender Stern des Dax gehandelt. Wirecard-Chef Markus Braun muss sich dem Vorwurf stellen, zusammen mit anderen mutmaßlichen Tätern die Bilanzsumme von Wirecard künstlich aufgebläht zu haben. Nach Rücktritt und Haftbefehl kommt nun auch noch heraus: er hat mitten im Crash der Wirecard-Aktie auch noch millionenschwere Anteilspakete an seinem eigenen Unternehmen verkauft. Jetzt hat Wirecard Insolvenz angemeldet.

Herr Dr. Spies, nicht nur viele Verbraucher sind jetzt fassungslos, auch die Börsenaufsicht selbst. Dabei wurde dem Unternehmen bereits seit Jahren vorgeworfen, nicht transparent zu berichten. Wie können 1.9 Milliarden Euro übersehen werden? Und wie bewerten Sie die Vorgänge als Vorstandsvorsitzender einer Stiftung, die sich das Motto „Erfolg mit Anstand“ auf die Fahnen schreibt?

Bernd-Georg Spies: „Wenn man zynisch wäre, müsste man von einem Totalversagen des Standorts Deutschland sprechen. Viele Mittuer haben nicht genau hingesehen. Da ist die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Ernst & Young, der in einer 11jährigen Zusammenarbeit nicht aufgefallen ist, dass 1.9 Millionen Euro nicht dokumentiert sind. Erst ein forensisches Gutachten der Wirtschaftsprüfung KPMG hat die Hinweise auf nicht existierende oder verschwundene 1,9 Milliarden Euro auf den Philippinen ans Licht gebracht. Und dann die Börsenaufsicht Bafin, die auf kritische Pressemeldungen reagierte – indem sie eine Klage gegen die Financial Times anstrengte und ein Leerverkaufsverbot für Wirecard-Aktien verhängte.
Die Affäre wirft auch ein Schlaglicht auf die kreditgebenden Banken, ABN Amro, Landesbank Baden-Württemberg und Commerzbank. Die Frage drängt sich auf, wie dort die Bonitätsprüfung von Kreditnehmern aussieht.“

Nochmal zur Rolle der Medien: Auffallend ist ja, dass es mit der Financial Times eine Londoner Zeitung war, die kritisch berichtete. Es ging damals um auffällige Geschäftspraktiken in Asien, in der Niederlassung in Singapur. Die FT-Reporter wiesen auf geschönte Bilanz- und Umsatzzahlen und weitere Straftaten hin. Folge war die von Ihnen erwähnte Klage. Als ehemalige Journalistin frage ich mich jetzt im Nachhinein: Warum hat kein deutsches Medienhaus die kritischen Hinweise aufgegriffen und sich hinter die Sache geklemmt?

Bernd-Georg Spies: „Auffallend und ehrlich gesagt auch schockierend ist tatsächlich, dass es ein Londoner Medienhaus war, während die deutschen Medien weitgehend einstimmig ein Loblied anstimmten auf die deutsche Antwort auf Silicon Valley, und die Kritik nicht zum Anlass nahmen, eigene Recherchen zu starten. Darin lässt sich ein gewisser Herdentrieb ausmachen, oder die Tendenz, zusammenzurücken angesichts eines vermeidlichen Angriffs aus dem Ausland.

Was jetzt ironisch ist, ist, dass eine Reihe von Journalisten, die seit Jahren über Wirecard schreiben, im Nachhinein zugeben, das Geschäftsmodell letztlich nicht verstanden zu haben.“

Also Wirecard mogelt im großen Stil, Beraterfirmen, Aufsichtsorgane und Medien haben gepennt oder ein Auge zugedrückt. Was ist mit der Politik? Ist die nicht auch in der Verantwortung?

Bernd-Georg Spies: „Da es sich um ein privatwirtschaftliches, börsennotiertes Unternehmen handelt, ist die Politik nicht unmittelbar angesprochen, wohl aber indirekt über das Mandat der dem Bundesfinanzminsterium unterstellten BaFin, die offenkundig nur den mit Banklizenz versehenen Teil Wirecards sowie die Kapitalmarktkommunikation im Auge hatte, nicht jedoch das Unternehmen als Ganzes.“

BaFin-Chef Hufeld sprach jetzt immerhin klare Worte und zeigte sich entsetzt über den Bilanzskandal. Was mir aufgefallen ist, ist, dass Hufeld persönlich die Kritik an der Rolle der Aufsichtsbehörden angenommen hat, als er sagte: „Wir sind nicht effektiv genug gewesen, um zu verhindern, dass so etwas passiert.“ Im Video wirkt er auf mich vergleichsweise authentisch. Ist das jetzt wieder nur so ein Lippenbekenntnis?

Bernd-Georg Spies: „Zunächst ist bemerkenswert und positiv, dass Hufeld persönlich Verantwortung übernimmt. Das hätten wir uns von VW und der Deutschen Bank auch gewünscht. Ich werte das als einen ersten Schritt in die Richtige Richtung. Ob dem jetzt Taten folgen, muss man im Auge behalten.“

Umso auffallender, wenn auch nicht verwunderlich, ist ja die defensive Haltung, in die sich der Konzern zunehmend manövriert hat. Es wurde ja bereits seit Jahren Kritik laut. Und auch die Zweifel an der Bilanz bestehen ja schon seit 2016, mit entsprechenden Sonderprüfungen, die aber alle keine eindeutigen Beweise liefern konnten. Warum hat das alles so lange gedauert? Ist das wieder ein typisch deutsches Phänomen? Und lässt sich das Vertrauen in „Made in Germany“ überhaupt noch wieder herstellen?

Bernd-Georg Spies: „Nach den Vorgängen um die Deutsche Bank, die Abgasmanipulation bei VW und anderen deutschen Autoherstellern ist dies nun erneut ein Fall, bei dem es die Verantwortlichen eines DAX-Konzerns mit Recht und Gesetz scheinbar nicht ganz so genau genommen haben, ein Desaster für den vielbeschworenen „ Standort Deutschland“. Alle diese Vorgänge zeigen, wie brandaktuell die Anliegen und die Arbeit des CLUB OF HAMBURG nach wie vor sind: genau hinschauen, die Kriterien anständigen ethischen Wirtschaftshandelns ernst nehmen, kritische Fragen zulassen und das Motto „Erfolg mit Anstand“ in den Vordergrund stellen. Vor allem brauchen aber Verantwortliche einen intakten ethischen Kompass, der hilft, zu justieren was anständig ist und auf diesem Weg Erfolg verspricht.“

Das Interview führte Dr. Anja Timmermann.