Ja: „Wirtschaft ist nicht alles, aber ohne Wirtschaft alles nichts“, wie Kollege Thomas Straubhaar zuletzt an dieser Stelle bemerkt hat. Wirtschaft und Gesundheit gegeneinander auszuspielen, ist wenig sinnvoll, weil Menschlichkeit eine funktionierende Wirtschaft genauso benötigt wie eine funktionierende Wirtschaft Menschlichkeit.

So sieht es auch Karl Homann, Wirtschaftsethiker der ersten Stunde (Link zum Artikel). Beides zusammen erst schafft die Voraussetzungen für das übergeordnete Ziel eines „guten“ im Sinne eines gelingenden Lebens nach Aristotelischem Verständnis, welches der Würde des Menschen entspricht.

 

"Wert aller Werte ist die Person." (Max Scheler)

 

Dieser Maßstab allerdings darf zu keinem Zeitpunkt aus dem Blick verloren werden: Gegeneinander abgewogen werden kann alles das, was einen kalkulierbaren Wert hat. Der Mensch hingegen hat eine unverrechenbare Würde. Um es mit Kant oder mit dem philosophischen Anthropologen Max Scheler zu sagen: „Wert aller Werte ist die Person“. Auf dieser Grundüberzeugung bauen nicht nur die Menschenrechte, sondern auch unser Grundgesetz auf. Und genau darin unterscheidet sich die Idee einer Sozialen Marktwirtschaft vom reinen Kapitalismus.

 

Der Unterschied zwischen Sozialer Marktwirtschaft und Kapitalismus

 

Das von Homann in seinem Beitrag „Geld oder Leben“ zu Recht kritisierte dualistische Denken versucht die Stiftung CLUB OF HAMBURG seit ihrer Gründung zu überwinden. Deswegen lautet ihr Credo nicht (ökonomischer) Erfolg versus Anstand, sondern „Erfolg MIT Anstand“! Es geht um eine Integration der beiden Dimensionen und um einen entsprechend integrierten Ansatz der Unternehmensethik, wie er auch dem, von der Stiftung veröffentlichten ganzheitlichen Managementmodell „Erfolg mit Anstand“ zugrunde liegt.

Beide Dimensionen gilt es folglich auch beim aktuellen Nachdenken über geeignete Kriterien zur Gestaltung des Weges aus der Krise gleichgewichtig zu berücksichtigen. Und dafür geeignete prozessuale Prinzipien spielen in der Wirtschaft wie in der Ethik für unternehmerischen Erfolg wie für moralischen Anstand seit jeher eine zentrale Rolle.

An erster Stelle wären dabei Fairness, Transparenz und Integrität zu nennen: Fairness im Sinne von Chancengleichheit und fairem Wettbewerb, Transparenz im Sinne von Nachvollziehbarkeit getroffener Entscheidungen und der ihnen zugrundeliegenden Argumente, gepaart mit Integrität der Entscheider als unverbrüchlicher Ausrichtung an eben diesen Prinzipien und anderen zielführenden Kriterien.

 

Kein Einzelinteresse zu bevorzugen ist ein Gebot der Fairness

 

Angewandt auf die gegenwärtige Situation würde dies bedeuten, dass auch bei der Diskussion über gesellschaftlich verantwortbare Lockerungen nicht die Interessen derer als Erstes berücksichtigt werden, die am Lautesten rufen, die über die einflussreichsten Lobbyisten verfügen oder deren finanzielle Verluste primär ihre gesellschaftliche Machtposition gefährden. Interessen vorzubringen ist ein legitimes Mittel demokratisch verfasster Gesellschaften, ihnen gleichermaßen Gehör zu schenken, aber kein Einzelinteresse zu bevorzugen, ist ein Gebot der Fairness. Bei der Frage, ob und welche zu welchem Zeitpunkt angesichts der anhaltenden Pandemie berücksichtigt werden (können), müssen die oben genannten Maßstäbe angelegt werden, mindestens aber jene, die uns bislang erfolgreich durch diese Krise getragen und Vielen so Vieles abverlangt haben. Exemplarisch seien die beiden folgenden genannt

1. Vorrang haben Schutzbedürftige und in ihrer Existenz Gefährdete. Bezogen auf die Wirtschaft wären das beispielsweise jene, die keine Rücklagen (mehr) haben und/oder, die bislang durch das Netz der staatlichen Hilfen gefallen sind;

2. Gesellschaftliche Systemrelevanz: Neben Nahrungsmitteln und anderen Gütern der Grundversorgung gehören dazu auch all jene Bereiche, die ein physisch wie psychisch gesundes, friedliches und menschenwürdiges Zusammenleben aktiv fördern: Kirchen, Fitness-Studios, Parks, Spielplätze, - aber eben auch Cafés, Eisdielen und die Gaststätten!

 

"Öffnungsdiskussionsorgien" sind nicht fair

 

Zu welchem Zeitpunkt und unter welchen Sicherheitsvorkehrungen diese Bereiche wieder zugänglich gemacht werden können, sollte daher vorrangig diskutiert werden, um den unmittelbar wie mittelbar Betroffenen zumindest eine Perspektive zu vermitteln. Dass sich die von unsrer Kanzlerin so genannten „Öffnungsdiskussionsorgien“ als Erstes um die Frage drehen, ab wann die Bundesliga wieder trainieren darf, entzieht sich vor diesem Hintergrund meinem Verständnis. Was nicht daran liegt, dass ich kein Fußballfan bin.

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