Ökonomie ist nicht alles. Stimmt. Aber richtig ist auch: ohne Wirtschaft ist alles andere nichts. Dass Produzieren vor Konsumieren kommt, ist seit der Vertreibung aus dem Paradies Grundgesetz des Menschseins. Zunächst müssen die Voraussetzungen geschaffen werden. Danach erst lässt sich Not lindern. Deshalb gilt auch: mit einer (zu) schwachen Wirtschaft werden in der Coronaviruskrise (zu) viele Menschenleben gefährdet.

Wenn richtigerweise und völlig unstrittig politisch alles zu tun ist, um möglichst vielen Menschen ein langes, gesundes und gutes Leben zu ermöglichen, dann geht das nicht gegen, sondern nur mit der Ökonomie. Um diese Grundgesetzlichkeit zu erkennen, bedarf es keiner vertieften statistischen Analyse.

Wir werden immer älter - Dank der Wirtschaft

Ein Blick zurück in die Menschheitsgeschichte hilft. Im Mittelalter war der überragende Anteil der Bevölkerungen arm und starb früh. Seuchen, Pest und Cholera fanden leicht und in Masse Opfer. Mit steigendem Wohlstand im Laufe der letzten beiden Jahrhunderte verlängerte sich die Lebenserwartung. Zu Zeiten Bismarcks konnten Neugeborene hoffen, gerade einmal vierzig jährig zu werden. Heute hingegen ist das Doppelte zum Normalfall geworden. Noch fast eindrücklicher zeigt ein Ländervergleich, wie positiv sich eine starke Wirtschaft auf die Lebenserwartung auswirkt. Unverändert gilt: je ärmer eine Gesellschaft, umso (deutlich) früher sterben die Menschen. In Afrika (südlich der Sahara) liegt die Lebenserwartung bei Geburt leicht über sechzig Jahren, in Asien bei siebzig Jahren, in Europa und Nordamerika bei fast achtzig Jahren und in der Gruppe der Hocheinkommensländer sogar bei über achtzig Jahren. Ganz offensichtlich ist eine gesunde Wirtschaft die unverzichtbare (wenn auch nicht einzige!) Voraussetzung für eine gut funktionierendes Gesundheitswesen. Wer sonst, wenn nicht die Wirtschaft produziert all die Apparate, Instrumente, Medikamente, Impfstoffe und Schutzeinrichtungen für Intensivstationen und Krankenhäuser. Wer, wenn nicht die Wirtschaft sorgt für Versorgung und Logistik, Kommunikation und Informationen, um (Schwerst-)Erkrankte sachgemäß zu betreuen und Leben zu retten?

Der Shutdown wird zu einer sozioökonomischen Implosion führen

Angesichts dieser Zusammenhänge erschüttert es, mit welcher Nonchalance während der Coronavirus-Krise nun die Folgen der Shutdown-Strategie kleingeredet werden. Ob ein Vollstopp von Wirtschaft und eine Isolation der Bevölkerung Wochen oder Monate oder noch länger dauern werde – so what? Wenn es um Menschenleben gehe, sei es zweitrangig, dass die Wirtschaft einbreche. Das ist so falsch, wie es dumm ist, Ökonomie und Gesellschaft gegeneinander auszuspielen. Gerade weil es um Menschenleben geht, bedarf es einer bestens funktionierenden Wirtschaft. Mit demotivierten Unternehmen, die ihre Produktion einstellen, Bauernhöfen, die mangels Saisonarbeitskräfte nicht mehr für Nachschub an Gemüse und Frischwaren sorgen, erschöpften Eltern, die nicht mehr mit voller Kraft auf Intensivstationen und in Krankenhäusern ihren Job erfüllen können und einer massiv eingeschränkten Normalität des sozialen Lebens droht eine Implosion von Wirtschaft und Gesellschaft als Folge der sozioökonomischen Folgen eines Shutdowns.

Mit der Wirtschaft gegen die Krise

In wirtschaftlich schlechter werdenden Zeiten kommt es eben nicht nur zu Hamsterkäufen und „Hau ab“-Forderungen an Ortsfremde. Wenn die ökonomische Not größer wird, ein Job-Verlust droht, Familien- oder Kulturbetriebe vor dem Konkurs stehen, bröckelt auch das Selbstverständnis für das große Ganze. Dann schlägt die Stunde der Populisten. Sie lieben es, mit Einzelschicksalen Politik zu machen. Und sie unterschlagen, dass scheinbar einfache Lösungen für komplexe Herausforderungen völlig untaugliche Strategien liefern. Wohl noch selten zuvor im wiedervereinigten Deutschland war, ein starkes Wirtschaftswachstum so vonnöten wie jetzt. Eine durch langen Shutdown und andauernde Isolation in die Knie gezwungene Ökonomie wird auch das Gesundheitswesen kollabieren lassen. Dann erreicht man genau das Gegenteil dessen, was richtigerweise mit der Politik des Zeitgewinnens verhindert werden sollte. Das darf nicht geschehen.
Eine Wirtschaftskrise ist keine Bagatelle, sondern eine gesellschaftliche Katastrophe. Sie trifft die Schwächsten am Stärksten. Sie gefährdet Gesundheit und Leben weit jenseits der am Coronavirus Erkrankten. Es ist höchste Zeit anzuerkennen, dass ohne starke Wirtschaft die Lebenserwartung in einer Gesellschaft insgesamt dramatisch gefährdet ist.

Foto: Pieter-Pan Rupprecht