„Unsere Marktwirtschaft befindet sich in einer Vertrauenskrise.“ Als neues Vorstandsmitglied bringt sich Bernd-Georg Spies in die Diskussion um ethische Fragen in der Wirtschaft ein. Das Interview erschien am 12. Dezember auf shz.de. Dr. Bernd-Georg Spies ist seit dem 12. 12. 2019 Co-Vorsitzender der Stiftung CLUB OF HAMBURG.

HAMBURG Der Anspruch ist hoch. Genauso wie der 1968 gegründete weltbekannte „Club of Rome“ sich für eine nachhaltige Zukunft der Menschheit und den Umweltschutz einsetzt, fördert die 2016 gegründete Stiftung „Club of Hamburg“ Unternehmertum nach ethischen Grundsätzen. Die Namensähnlichkeit ist also kein Zufall. Der Club of Hamburg will Impulsgeber sein für Diskussionen über Hamburg und Norddeutschland hinaus. „Erfolg mit Anstand“ lautet sein Slogan. Barbara Glosemeyer sprach mit Vorstandsmitglied Dr. Bernd-Georg Spies über die Notwendigkeit von Anstand in Unternehmen.

Herr Dr. Spies, „Erfolg mit Anstand“ ist das Leitmotiv des Club of Hamburg. Was bedeutet für Sie Anstand? Anstand ist ein regelbasiertes und moralisch begründetes Verhalten oder wie man im Volksmund sagt: Jeder sollte so handeln, dass er sich selbst im Spiegel anschauen kann. Man hat nicht getrickst, nicht getäuscht, betrogen oder jemanden hinter die Fichte geführt. In Hamburg kennt man den Begriff des ehrbaren Kaufmanns. Wir wenden ihn und die damit verbundene Erwartung auf alle wirtschaftlichen Bereiche an.

Sind Erfolg und Anstand nicht ein Widerspruch?

Nein, ganz im Gegenteil. Wir glauben, dass letztlich nur anständiges Verhalten zum Erfolg führt. Nicht-anständiges Verhalten kann kurzfristigen scheinbaren Erfolg bringen, irgendwann aber fällt es dem Unternehmen auf die Füße und verursacht einen gigantischen Reputationsschaden und hat negative wirtschaftliche Folgen. Die Beispiele aus der Autoindustrie oder dem Bankensektor zeigt, dass sich ein solches Verhalten mittel- und langfristig nicht lohnt, ganz abgesehen von den Strafzahlungen , die jetzt überall auf der Welt zu leisten sind.

Wie wird man ein Unternehmen im Sinne des Club of Hamburg?

Ethische Grundsätze und Absichtserklärungen allein reichen nicht. Die eigentliche Arbeit beginnt damit, dass in der täglichen Arbeit des Unternehmens entsprechend gehandelt wird. Dazu gehört auch, dass die höchsten Boni oder Tantiemen am Jahresende nicht ausschließlich an diejenigen verteilt werden, die mit besonderer Ruppigkeit und Rücksichtslosigkeit ihre Ziele erreicht haben. Das wäre das falsche Signal. Anständiges Verhalten muss prämiert werden. Wer sagt, der Zweck heiligt alle Mittel, ist schief gewickelt. Ein Unternehmen muss Leitplanken des Anstands setzen.

Ist das nicht unrealistisch? Sie sind Headhunter beim amerikanischen Beratungsunternehmen Russell Reynolds und kennen die Businessrealitäten.

Wir sind nicht naiv. Dass wir alle anfällig sind für Verführungen und dafür, mal alle Fünfe gerade sein zu lassen und nicht ganz nach dem ethischen Regelbuch zu handeln, ist menschlich und anständiges Verhalten einzufordern ist manchmal auch hart. Wenn etwa ein Maschinenbauunternehmen Geschäfte mit Ländern macht, in denen die ethischen Grundsätze nicht so ausgeprägt sind, muss es sich die Frage stellen: Mache ich das Geschäft, auch wenn ich jemandem dafür Vorteile gewähren muss oder lasse ich es? Ein Unternehmen muss eine Ethik-Kultur schaffen und seinen Mitarbeitern Rückendeckung geben, wenn sie in ethische Zwickmühlen geraten.

Sind denn Unternehmen noch bereit, sich in harten Zeiten eines globalisierten Wettbewerbs mit Ethik zu beschäftigen?

BGS: Ja, ich glaube, das Thema rückt wieder in den Vordergrund. Bei Vielen rennen wir offene Türen ein. Unternehmerinnen und Entscheiderinnen realisieren, dass sich unsere Marktwirtschaft in einer Vertrauens- krise befindet. Ethisches Verhalten ist in den vergangenen Jahren durch die Globalisierung, Digitalisierung und andere sich turbomäßig beschleunigende Entwicklungen ein Stück weit unter die Räder gekommen und diejenigen, die ethisches Verhalten praktizieren, hatten kaum eine Stimme. Umfragen machen deutlich, dass unser Wirtschaftssystem erheblich an Zustimmung verloren hat, die wir dringend zurückgewinnen müssen.

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